Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
04.05.2012

Wollen wir Facebook-Freunde sein?

Unterricht, Beratung, Diskussion – online: Vielerorts treffen sich Lehrkräfte und Schüler auch nach der Schule – auf Facebook.

8. Klasse, Englischstunde, eine Realschule in Baden-Württemberg. Jörg Schofer behandelt englische Grammatik. Unregelmäßige Verben, Pronomen, Präpositionen. Normaler Schulalltag. Am Abend aber geht der Unterricht des 28-Jährigen weiter. Im sozialen Netzwerk Facebook trifft sich Schofer ein zweites Mal mit seinen Schülerinnen und Schülern. In einer eigenen Facebook-Gruppe sprechen sie über Übungsaufgaben und Videos auf YouTube. Termine und Hausaufgaben stehen hier, Links zu Grammatik-Videos kommen per Direktnachricht: Schofer ist einer von vielen Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland, die die Internet-Plattform für ihren Unterricht nutzen. Laut einer Befragung des Branchenverbandes Bitkom* meint etwa die Hälfte der Lehrkräfte, dass Online-Diskussionen unter Schülerinnen und Schülern dem Unterricht gut tun könnten. Auch könne die „Freundschaft“ mit Schülern persönliche Beziehungen stärken und neue Unterrichtsformen ermöglichen, sind nicht wenige Pädagogen überzeugt. Besonders das Netzwerk Facebook gewinnt an Bedeutung. Im Frühjahr dieses Jahres waren dort über 26 Millionen Deutsche angemeldet. Einstigen Konkurrenten wie SchülerVZ hat der US-Anbieter längst den Rang abgelaufen. Doch Dienste wie Facebook stellen Lehrende auch vor neue Herausforderungen. Sie müssen z. B. private und berufliche Kontakte im selben Netzwerk verwalten. Dazu kommen Datenschutzbedenken und die Befürchtung, dass Schüler etwa private Urlaubsbilder kommentieren könnten. Eine Frage beschäftigt deshalb viele Pädagogen, die Facebook nutzen: Freundschaft mit Lernenden – ja oder nein?

Wie ein Telefonbuch

Einer, der sich für die „Netz-Freundschaft“ mit Schülern entschieden hat, ist Jan-Martin Klinge. „Facebook ist für mich ein Werkzeug, das mir viel Zeit und Frust erspart“, sagt der 30-jährige Mathematik- und Physiklehrer aus Siegen. Auf seiner Facebook-Seite meldeten sich seine Schüler krank oder stellten Fragen zu den Hausaufgaben. Dass Facebook ein Zeitfresser sei, hält Klinge für ein Vorurteil. Nicht mehr als 20 Minuten pro Woche verbringt er im Netzwerk. Die Chatfunktion hat er abgestellt. „Facebook ist für mich nur ein Telefonbuch“, sagt er. Ein Telefonbuch, in dem sich allerdings immer mehr Schüler tummeln. Einer weiteren Bitkom-Studie zufolge nutzten bereits im Frühjahr 2011 drei Viertel aller Jugendlichen ein soziales Netzwerk**. Die klassische E-Mail sei für Jugendliche inzwischen weniger relevant geworden, berichten Lehrkräfte. Martin Müsgens von der EU-Initiative klicksafe will Pädagogen deshalb nicht grundsätzlich von Facebook abraten. „Wie man allerdings als Lehrer mit Freundschaftsanfragen von Schülern umgehen soll, kann nicht pauschal beantwortet werden.“

Dass sich Privates und Berufliches auf Facebook vermischen, ist den meisten Lehrkräften bewusst. Sie haben Wege gefunden, diese Bereiche zu trennen. „Meine Urlaubsbilder sollen die Schüler nicht sehen“, betont Jörg Schofer. Deshalb sortiert er seine Schüler in eigens angelegte Listen. So erhalten sie keinen Zugang zu seinen privaten Fotos oder Kommentaren.

Persönliche Angriffe kommen im Netzwerk zwar vor, sind aber selten. Als eine Schülerin durch ihre Abschlussprüfung fiel, stand nur wenig später „Sie Hurensohn!!“ auf der Pinnwand ihres Lehrers. Eine Ausnahme im Facebook-Alltag? Häufiger sollen komische Momente sein: „Nachmittags wird über meinen langweiligen Unterricht gelästert. Da schmunzle ich eher drüber“, berichtet ein anderer Pädagoge.

Richtlinien, wie Lehrende mit Facebook umgehen sollen, gibt es von staatlicher Seite aus bislang nicht. „Für Lehrer gibt es auf Facebook aber klare Regeln, auch ohne Leitlinien“, erklärt Carsten Reichert. Der 28-Jährige ist Referendar an einem Gymnasium in Aschaffenburg. Mit über 100 seiner Schülerinnen und Schüler ist er auf Facebook befreundet. Selbst verschickt hat Reichert hingegen keine einzige Freundschaftsanfrage. „Ein Schüler wäre dazu gezwungen, meine Einladung anzunehmen. Täte er es nicht, müsste er ja vielleicht Angst haben, in Zukunft schlechter behandelt zu werden“, so Reichert.

Bei der EU-Initiative klicksafe hält man landesweite Richtlinien für unnötig. „Jede Schule ist unterschiedlich und hat eine andere Schülerstruktur“, sagt Referent Martin Müsgens. Er rät den Schulen dazu, Richtlinien zur Mediennutzung kontinuierlich gemeinsam mit den Schülern zu erarbeiten, etwa in einer Projektgruppe „Medien“. Diese Regeln sollten aber nicht in Stein gemeißelt sein: „In einem halben Jahr kann sich viel verändern.“

Eine Stunde online täglich

Das Kollegium der Karlschule in Hamm hat sich bereits eigene Richtlinien gegeben. Lehrerinnen wie Marie-Theres Johannpeter dürfen dort nur über ein zweites Facebook-Profil mit ihren Schülern kommunizieren. Die 28-jährige Hauptschullehrerin schätzt die virtuelle Schüler-Lehrer-Freundschaft, weil die ihr „den Blick hinter die Kulissen“ ermögliche. Wie geht es den Schülern? Was können sie während des Schulalltages nicht mitteilen? Viele ihrer über 250 Schüler-Freunde nehmen das Angebot wahr. Dafür nimmt Johannpeter in Kauf, jeden Tag etwa eine Stunde online zu sein – manchmal auch doppelt so lange. Diese Zeit nimmt sie sich freiwillig, obwohl sie auch noch Unterricht vorbereiten muss. Die Stunden auf Facebook seien aber gut investiert, findet sie. „Facebook macht es einfacher, Sorgen oder Ratschläge zu besprechen“, so Johannpeter. Auffälligkeiten oder Probleme klärt sie aber nach wie vor im persönlichen Gespräch. „Facebook kann allerdings den Erstkontakt dafür erleichtern“, ist Johannpeter überzeugt.

Ilse Schaad, beim GEW-Hauptvorstand verantwortlich für Angestellten- und Beamtenpolitik, hat nichts dagegen, dass Lehrende das Netzwerk Facebook zur Ergänzung ihres Unterrichtes verwenden. „Wie Lehrerinnen und Lehrer ihre disponible Zeit nutzen, ist allein ihre Entscheidung“, so Schaad. Die Lehrenden dürften einzig keine Unterrichtszeit in das Netzwerk verlagern. Sie müssten zudem darauf achten, keine urheberrechtsgeschützten Inhalte wie Videos von Schulbuchverlagen bei Facebook einzustellen (s. Seiten 16 – 19).

Obwohl sich viele Pädagogen vorstellen können, soziale Netzwerke im Unterricht einzusetzen, macht das der Bitkom-Erhebung* zufolge bislang nur etwa jeder zehnte im Unterricht. Die häufigsten Nutzer sind Lehrerinnen und Lehrer unter 40 Jahren (16 Prozent) sowie Realschullehrkräfte (14 Prozent).

Notbremse gezogen

Einer, der sich bewusst gegen Facebook im Unterricht entschieden hat, ist René Wallich. Der 32-Jährige ist Gymnasiallehrer in Schleswig-Holstein. Er fürchtet, durch die Facebook-Freundschaft mit Schülerinnen und Schülern seine professionelle Distanz und Neutralität zu verlieren. Ein Argument gegen Facebook wiegt für Wallich am schwersten: die Anonymität. „Wenn ein Schüler mir eine persönliche Nachricht schickt, weiß ich nie sicher, dass hinter diesem Namen tatsächlich der Schüler steckt“, gibt er zu bedenken.

Bei Thomas Kuban kam die Einsicht später. Auf über 600 „Facebook-Freunde“ brachte es der Realschullehrer aus Franken, die meisten davon Schüler. Dann zog er die Notbremse und löschte sein Profil. „Facebook hat zu viel Zeit gefressen und mich überfordert“, erinnert sich der 42-Jährige. Inzwischen hat Kuban sich wieder angemeldet. Weil in seiner Abschlussklasse gelegentlich Unterricht ausfällt, versorgt er die Schüler über Facebook mit Musteraufsätzen und Aufgaben.

Oft sind Beobachtungen auf der Plattform Anlass, im Unterricht Datenschutz und Privatsphäre im Netz zu thematisieren. „Bist du sicher, dass ich das sehen soll?“, hat der Gesamtschullehrer Jan-Martin Klinge schon unter Partyfotos seiner Schüler geschrieben.

Die meisten Pädagogen, die Netzwerke wie Facebook bereits jetzt verwenden, wissen um die Grenzen und Risiken der Dienste. Sie sehen darin lediglich ein ergänzendes Element für den Unterricht. „Facebook ist für mich ein guter, zusätzlicher Weg, mit meinen Schülern zu kommunizieren“, betont etwa Jörg Schofer. Persönliche Gespräche führt auch er noch immer lieber unter vier Augen.

Hinzu kommt, dass nicht alle Schüler auf Facebook angemeldet sind. „Auf keinen Fall dürfen Lehrkräfte Schüler deshalb benachteiligen“, unterstreicht Jan-Martin Klinge. Vor allem dürfe man die Bedeutung von Facebook für den Unterricht nicht überbewerten. „Für den Großteil der Schülerinnen und Schüler heißt Facebook einfach, Kontakt zu halten“, stellt Klinge fest. „Schüler wollen viele Facebook-Freunde haben – da ist eine Freundschaftsanfrage an ihre Lehrer vielleicht einfach ein Automatismus.“

Jakob Schulz,
freier Journalist

Mitdiskutieren

Dazu haben Sie etwas zu sagen? Dann schreiben Sie einen Kommentar und lesen Sie, was andere geschrieben haben.
Mitdiskutieren!

 



/ zum Seitenanfang